GUATTARI+30 – Aufruf zur Einreichung von Beiträgen

Félix Guattari starb im August 1992. Er konnte die Veröffentlichung seines letzten Buches Chaosmose nicht mehr erleben, dessen letztes Kapitel im September 1992 in Le Monde unter dem Titel „Für eine Neubegründung sozialer Praktiken“[1] erschien. Guattaris gesamtes Werk ist eine radikale Kritik daran, dass sich die Sozialwissenschaften, einschließlich der Psychoanalyse, angesichts der globalen Veränderungen als hilflos erwiesen haben. Durch seine unermüdliche und freundschaftliche Unterstützung zahlreicher politischer Bewegungen, die zu seinen Lebzeiten entstanden sind (die algerische Unabhängigkeitsbewegung, die Bewegung des 22. März, die Frauenbewegung, die Bewegung für die Rechte der Homosexuellen, der antirassistische Aktivismus, Potere Operaio, die Verteidigung von Migrant_innen ohne Papiere, die Transition zur Demokratie in Brasilien, die ökologischen Bewegungen), hat er immer wieder die Möglichkeit neuer Wege der transformativen Wunschproduktion bekräftigt und innerhalb und außerhalb der akademischen Welt das Entstehen kollektiver, nicht-identitärer Subjektivierungen, neuer Beziehungsmodalitäten zwischen Körpern, Territorien, Ästhetik und Ethik gefördert.

Auch wenn Guattaris gemeinsame Publikationen mit Gilles Deleuze im Allgemeinen mehr Beachtung gefunden haben als seine eigenen Bücher, die er als Einzelautor verfasste, haben sich seine Werke dennoch als wichtige Wegweiser für zahlreiche Forscher_innen und Künstler_innen weltweit erwiesen. Dreißig Jahre nach der französischen Veröffentlichung von Chaosmose rückt Guattaris Werk im Kontext dessen, was er als „postmediales“ Zeitalter bezeichnet hat, wieder in den Fokus, als Eröffnung einer neuen maschinischen Kreativität, als Aufkommen maschinischer Brüche und Mutationen und als Dringlichkeit, das Individuum als „Gefüge heterogener Komponenten“ neu zu denken. In Guattaris „ökosophischer Kartographie“ (der sozialen, mentalen und umweltbezogenen Ökologie) muss eine individuell-kollektive Analyse Bruchlinien in der Gegenwart eröffnen, eine Re-Subjektivierung der „Differenz“ und des Dissenses, atopische und utopische Modi, um den „grausamen Identitätskonflikten“ zu entkommen.

Der Verein Chaosmosemedia, die Universität Paris 8 (ESTCA, EXPERICE, UMR-LEGS, LLCP und MusiDanse) und das Collège International de philosophie organisieren gemeinsam von 20. bis 22. Oktober 2022 eine internationale Konferenz mit dem Ziel einer transversalen Zusammenkunft von Forscher_innen aus den Bereichen Philosophie, Erziehungswissenschaft, Gender Studies, Performance Arts, Musik, Tanz, Kino, sowie Praktiker_innen der psychischen Gesundheit, Student_innen, Lehrer_innen und Aktivist_innen, um die zahlreichen Investitionen des Wunsches zu erörtern, die Guattaris textuelle und soziale Praktiken möglich gemacht haben. Wie kann nun, eine Generation nach seinem Tod, nach der Eiszeit der „Winterjahre“ (1980-1985) und dem Verlust der Handlungsfähigkeit durch die traditionelle politische Praxis (Parteien, Wahlen) ein neuer „kollektiver Wunsch zu leben“ erfunden werden? Wie kann man neue geistige, unkörperliche Objekte in ihrer kreativen, alternativen, weltverändernden Dimension erfassen? Wie kann man die Landkarte einer zukünftigen Subjektivität zeichnen? Wie neue Beziehungen von Strömen, Maschinen, immateriellen Universen und Territorien artikulieren, im Kontext eines Krieg, der über die Ukraine hinaus alle osteuropäischen Länder betrifft, und in einer Zeit von Transformationen
subjektivem Ausmaß und dem Wiederaufleben von Mikro-/Makrofaschisten?

Mögliche Themen, die behandelt erden können (die Liste ist nicht abschließend):
– Kriegsmaschinen, Rhizome, neue Gefüge
– Erdungen: Öko(philo)sophie, Umwelt, Ökologie
– Transsexualitäten, Minderheiten, Allianzen, Koalitionen
– Chaosmosen, Aufstände, Emanzipation
– Commons, Infra-Commons, negative Commons
– Post Media: Projektionsflächen, künstlerische Heterogenesen

Bitte reichen Sie Ihren Vorschlag an die folgende Adresse ein: rencontre.guattari@gmail.com

Einsendeschluss: 16. Mai 2022

Wir begrüßen nicht-akademische Präsentationsformate. Die Wahl des Gegenstands ist ebenfalls völlig frei, ohne Keywords oder bibliografische Beschränkungen. Im Rahmen des Call for Papers können verschiedene Präsentationsformate eingereicht werden, die sich sowohl an ein akademisches als auch an ein nicht-akademisches Publikum richten.